Leseprobe zweite Erzählung:

Die Wüste der Leidenschaft, Kapitel 1

Nachtgedanken

Irgendwo in der Wüste im Nirgendwo, am Rand der Welt, vielleicht Mexiko. Mirjam hatte es vergessen, als sie die funkelnden Sterne ansah. Sie spürte den eisig klaren Nachthimmel und dachte nach. Tizian hatte sie alleine gelassen, in der Ewigkeit, im Dunkel der Nacht. Würde er wiederkommen? Sie wusste es nicht und legte sich in ihr Zelt, um zu träumen. Nicht weit entfernt rasselte eine Klapperschlange. Mirjam kümmerte sich nicht um die Geräusche der Tiere, denn eine Frage kreiste in ihrem Kopf: "Warum wollte ich ausgerechnet mit Tizian verreisen, meinem guten Freund, den ich schon so lange kenne? Ich weiß es nicht. Mist, ich friere." Kein Mensch wärmte sie, tröstete sie, munterte sie auf oder sagte ein liebes Wort.

Unerwartet kam sie im Niemandsland ihrer Existenz an. Sie fühlte sich leer, ausgelaufen wie eine alte Batterie. "Seltsam", dachte sie. "Ich spüre nichts, fühle nichts. Würde mich ein Lastwagen überfahren, würd' ich mit einem Lächeln auf den Lippen einschlafen. Da bin ich also." Sie blickte die limonengrüne Zeltwand an: "So füt es sich also an, wenn man ankommt, tief bei sich selbst. Ich habe mich so lange vor diesem Augenblick gefürchtet, aber ich möchte endlich das Land meiner Sehnsucht entdecken und herausfinden, wer ich bin und was ich wirklich will. Jetzt bin ich so weit, jetzt lenkt mich nichts mehr ab, keine Freunde, kein Job, keine Verabredungen und Liebhaber, keine Alltäglichkeiten. Ich habe diesen Moment der Stille gesucht, weit weg vom Wahnsinn der Großstadt. Jetzt bin ich allein, angekommen bei mir selbst, hier in der Wüste, in der Stille. Und jetzt? Ich dachte, ich würde mich freuen, lachen und tanzen, wenn es so weit ist. Vielleicht sollte ich tanzen?"

 

Sie schlüpfte aus dem Schlafsack, zog sich einen kurzen Rock an, kroch zum Lagerfeuer und warf vertrocknete Kakteen in die Glut. Flammen zügelten um die braunen Gewächse, die aufloderten. Als das Feuer brannte, begann sie um die Flammen zu tanzen. Zuerst langsam, dann intensiver, schneller und wilder. Schließlich wirbelte sie um das prasselnde Feuer herum und summte ein Lied der Hopi-Indianer.

"Jetzt bin ich so weit, jetzt bin ich bei mir selbst. Keine Spiele mehr mit Männern, die um mich wie Fliegen schwirren. Keine Nächte mehr mit auswechselbaren Liebhabern, die mich anlocken wie ein Kind und die ich nur an der Oberfläche berühre. Ich kann sie nicht mehr zählen. Schluss mit meinen seichten Gefühlen. Schluss mit der Spielerei."

Sie tanzte und spürte tief in sich unbekannte und unberechenbare Gefühle. "Endlich merk' ich, was ich vor mir verberge. Ja, Unsicherheit. Im Grunde meines Herzens bin ich unsicher, deshalb spiele ich mit Gefühlen. Ich werde mich fallen lassen, selbst in meine Abgründe. Meine Furcht vor ehrlichen Gefühlen hat mich zu einer Prinzessin gemacht, die lachend durch viele Apfelgärten rannte, alle Äpfel pflückte, aber keinen aß. Jetzt werde ich die Äpfel essen, meine Angst verschlucken und endlich fühlen."
Sie freute sich über ihre neuen Gedanken und tanzte wild ums Feuer herum. Zum ersten Mal war sie bereit, hinter der Oberfläche der Gefühle ihre wahre Lust zu entdecken - aufrichtig zu leben - zu lieben.

"Wer wird der Erste sein, mit dem ich nicht nur spiele, mit dem ich tiefe Gefühle lebe, den ich aufrichtig liebe, mit dem ich in der Mitte des Feuers stehen möchte?" Sie sprang um die Funken herum und genoss die Flammen, die die Wildheit ihrer Gefühle ausdrückten.

 

Tizian sah sie am Horizont um das kleine Feuer wirbeln. Er hockte über dem staubigen Wüstenboden und dachte nach, während die Gestalt seiner Freundin weiter um das Licht unter den Sternen tanzte. "Warum liebe ich diese Frau so sehr? Wieso liebe ich sie bis zum Abgrund meiner Seele? Ihre Gefühle sind alles, was ich im Leben jemals teilen möchte, aber sie merkt es nicht. Ich bin zu geschickt im Verbergen meiner Empfindungen. Warum spreche ich nicht mit ihr? Weshalb mache ich nicht den Mund auf, wenn es darauf ankommt? Es kommt jetzt darauf an, auf Mirjam, es geht um Leben oder Tod, um Liebe oder nur Zuneigung, um tiefe Gefühle oder nur sanftes Verständnis, um Spaß oder nur Alberei, um Sex oder nur Streicheleien, um gute Gespräche oder Plauderei. Ja, ich will Mirjam entdecken."

Er hörte auf nachzudenken und blickte in die sternenklare Nacht. In der Dunkelheit fühlte er sich wohl, denn alles, was ihm wichtig war, blieb in der Finsternis, unausgesprochen, verborgen unter den Sternen. "Warum bin ich so verschlossen? Menschen wollen sich gegenseitig spüren, fühlen, lachen, herausfordern und verstehen. Sie möchten liebevolle Worte austauschen, aufrichtige Gedanken und herzliche Gefühle. Deine tiefsinnigen Blicke in Mirjams Augen sollten ihr so viel verraten, aber nur durch deine Pupillen versteht sie dich nie.

Aber was nützt das Wissen um dein eigenes Gefängnis, wenn du nicht herausfindest? Wo ist der Schlüssel, die Lösung, der Anfang?" Er dachte angestrengt nach: "Soll ich weiter durch die Wüste gehen? Oder umkehren und zurück zu Mirjam laufen?"
Sie waren schon lange befreundet, aber ihre verborgenen Gefühle kannten beide nicht. Tizian war ein Weltmeister, wenn es darum ging, seine Empfindungen zu verbergen. Ratlos betrachtete er einen Skorpion und hoffte, das giftige Tier würde ihn beißen, ihn vom Schmerz des Selbstmitleids erlösen. "Genau, du bemitleidest dich selbst, du Feigling!", dachte er. "Wann fange ich an, über das zu sprechen, was mir wichtig ist? Ich muss meine Gefühle herauslassen oder ich platze vor Sehnsucht!"

Er atmete auf und wollte neu anfangen. "Ich bin in die Wüste geflogen, um klar zu denken und endlich meinen Körper zu spüren, meine Lust. Heute Nacht werde ich ein anderer, ein Tizian, der einen Ausweg findet. Zieh einen Schlussstrich, lebe, tobe dich aus, sei wild und tanze, lache über deine Gefühle, lebe sie, zeige sie ihr!"

Er sog die eisige Nachtluft in sich ein und beobachtete Mirjam am Horizont. Ihre kleine Gestalt tanzte immer ausgelassener um die Flammen herum und in Gedanken wirbelte er mit ihr ums Feuer und freute sich. "Genau so werde ich nun mit meinen Gefühlen umgehen, ich werde sie rauslassen. Ich werd' ihr alles sagen! Zum Teufel mit dem schwarzen Skorpion!"

 

 

Überraschende Gefühle

Mirjam hatte ihre Wanderschuhe ausgezogen, die sie vor Klapperschlangen und anderen Wüstentieren schützen sollten. "Weg mit dem Touristenzeug!", dachte sie und tanzte um die Flammen, um ihre Vergangenheit abzuschütteln, "meine seichten Liebschaften, mein Dasein als Prinzessin. Vielleicht ist Tizian der passende Reisebegleiter. Seinen Apfel hab ich nie gepflückt." Der Gedanke an ein Abenteuer mit ihm kühlte sie ab. Zugegeben, Tizian war ihr bester Freund, kein gewöhnlicher Mensch, tiefsinnig und verschwiegen. Er konnte auch albern sein, aber er redete nie oberflächlich mit ihr, plapperte nicht wie ein Wasserfall wie ihre Freundinnen.

Mirjam lachte und spuckte vor Freude in die Flammen. "Endlich fühle ich mich frei, endlich kann ich mich gehen lassen!" Sie wusste, dass ihr Leben als Prinzessin sich dem Ende neigte. "Endlich bin ich frei wie ein Vogel, der durch die Luft wirbelt, immer schneller ums Feuer herum." Ihre nackten Füße knirschten im Sand. Staub wirbelte hoch und hüllte sie ein.

Plötzlich stand Tizian am Feuer, stumm und verschlossen, ein gewohnter Anblick. Sie beachtete ihn nicht, als sie um ihn herumsprang, lachte und schwitzte. Er streckte die Arme aus und fing sie auf. Sie dachte sich nichts dabei und fiel ihm lachend in die Arme. Tizian drückte ihren nassen Körper an seinen und gab ihr einen leidenschaftlichen Kuss. Mirjam küsste ihn nicht, sie staunte. "Wer küsst mich da? Nicht der Tizian, den ich so lange kenne!" Sie schmiegte die Hand an seinen Hals, presste die Brüste gegen seinen starken Oberkörper und gab ihm einen aufregenden Zungenkuss. Sie wollte sich gehen lassen, endlich in ihrer Leidenschaft versinken, als sie ihn immer feuriger und wüster küsste. Er spürte ihre nasse Haut und sein pochendes Herz.

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